Johannes Augel
Forschungsschwerpunkt Entwicklungssoziologie
Universität Bielefeld
Guinea-Bissau 2001
Eine gekürzte Fassung der nachfolgenden Übersicht über
die Situation in Guinea-Bissau im Jahre 2001 wurde
veröffentlicht in Afrika Jahrbuch 2001, hg. v.
Institut für Afrika-Kunde, Hamburg, Verlag Leske +
Budrich, Opladen, 2002, S. 115-119. Die dort
enthaltene "Kopfzeile" mit allgemeinen Angaben über
das Land stammt von der Redaktion des Bands beim
herausgebenden Institut.
Fläche: 36 125 km², Einwohner: 1,19 Mio., Hauptstadt:
Bissau, Amtssprache: Portugiesisch, Lebenserwartung:
45 J., Alphabetisierung: 38,5%, Wechselkurs: $ 1 =
Franc CFA 745,45, HDI: 0,349, Rang 40,
Pro-Kopf-Einkommen: $ 180, BSP $ 217 Mio., Anteil am
BIP: 60% - 9% - 31%, Hauptexportprodukte (1998):
Cashewnüsse 85%, Fisch/Shrimps 2%; Staatschef: Kumba
Yalá, Ministerpräsidenten: Caetano N'Tchama (19. 2.
2000-25. 1. 2001, 25. 1. - 19. 3. 2001), Faustino
Fudut Imbali (21. 3. - 7. 12. 2001), Alamara N'Tchia
Nhassé (seit 8. 12. 2001); Regierungspartei: Partido
da Renovação Social (PRS), Oppositionsparteien:
Resistência da Guiné-Bissau-Movimento Bá-Fatá
(RGB-MB), Partido Africano da Independência da Guiné e
Cabo Verde (PAIGC), Aliança Democrática, União para a
Mudança (UM), Partido Social Democrático (PSD), Frente
Democrática Social (PDS), União Nacional para a
Democracia e o progresso (UNDP); FHI: 4/5
Guinea-Bissau
Guinea-Bissau erlebte und erlitt 2001 drei
Regierungen, zwei angebliche oder tatsächliche
Staatsstreichversuche, mehrere große Finanzskandale
und eine lang andauernde Machtprobe der Regierung mit
den Militärs, mit der Presse und zwischen dem
Staatspräsidenten und der Justiz. Diese und andere
Ereignisse waren Ausdruck der mangelnden Stabilität
des Landes in allen Bereichen, die in dem Bürgerkrieg
von Juni 1998 bis Mai 1999 seinen dramatischsten
Ausdruck fand und auch 2001 nur in Ansätzen überwunden
wurde. Nach den Worten des französischen Botschafters
besteht im Land "eine größere Tendenz zur Betonung der
Gegensätze als zur Einheit" (2. 4. 2001; CGB 28. 12.
01; Diário de Bissau, 5.4.2001) und wachsende
politische Instabilität.
Innenpolitik
Die erste Regierung unter Ministerpräsident Caetano
N'Tchama (PRS; seit 19. 2. 2000) (Munzinger: 2; CGB
28. 12. 2001:6) endete mit dem Rückzug der Minister
der RGB (23. 1.), die zweite (25. 1. -19. 3. 2001)
nach Umbildung des Kabinetts durch Entlassung
N'Tchamas durch den Präsidenten. Er wurde durch
Faustino Fudut Imbali (Soziologe beim Nationalen
Forschungsinstitut INEP; Vize-Premier, dann
Außenminister N'Tchamas; kurz vor seiner Designierung
zur Regierungspartei PRS übergetreten; Balanta)
ersetzt, in den Worten des Präsidenten mit der
Aufgabe, "das Land aus der katastrophalen Situation
herauszuführen", in der es sich befand. Imbalis
Vereidigung und die Vorstellung seines
Regierungsprogramms wurden bis zum 30. März mehrmals
verschoben. Imbali versuchte, durch die Einbindung
wenigstens einiger Politiker aus anderen Parteien
seine Akzeptanz zu erhöhen (insbes. Francisco Conduto
de Pina/PAIGC u. Oscar Baldé/RGB, auch Minister der
FCG/SD, PCD u. PSD) (SWB 28.3.01). Die
Oppositionsparteien im Parlament brachten schon am 5.
4. ein Misstrauensvotum gegen den gerade ernannten
Premierminister ein. Er konnte sein Regierungsprogramm
gegen den Widerstand der Opposition erst am 14. 5.
vorlegen. Der Präsident drohte mit der Auflösung des
Parlaments, der Assembleia Nacional Popular - ANP, und
mit der Bildung einer Regierung unter seiner direkten
Leitung. Daraufhin billigte das Parlament am 17. Mai
das Regierungsprogramm Imbalis und am 29. 5. den
Haushalt für 2001. Dabei war die Unterstützung der
Minderheitsregierung durch Teile der PAIGC
ausschlaggebend. (vgl. EIU Juli 2001: 37 ab; dto. 5.
April.) Am 7. 12. wurde Imbali entlassen. Am Tag
danach ernannte der Präsident den bisherigen
Innenminister und vorherigen Agrarminister Alamara
N'Tchia Nhassé zum neuen Premier, der am 12.12. sein
Kabinett vorstellte, in dem 20 der 25 Minister- und
Staatssekretärsposten der PRS des Präsidenten
zugerechnet werden, das aber im Parlament über keine
eigene Mehrheit verfügt.
Am 15. 1. wurden Erziehungsminister João José Silva
Monteiro ("Huco Monteiro", parteilos) und Iancuba
Injai (Indjai), UM, Staatssekretär für Soziale
Solidarität, Arbeit und Bekämpfung der Armut, die
beide als unabhängig galten, entlassen, ein deutliches
Zeichen für die zunehmende Zentralisierung der
Entscheidungskompetenzen in der Hand des Präsidenten
Kumba Yalá und seiner Partei PRS. Am 23. 1. erfolgte
eine Kabinettsumbildung; zwei Tage später traten die
fünf Minister des Koalitionspartners RGB/Movimento
Bafatá, der zweitstärksten Partei des Landes, zurück.
Im zweiten Kabinett N'Tchama waren fast nur noch
Mitglieder der PRS vertreten. Es folgten mehrere
Wechsel in Ministerämtern. Am 28. 8. wurde der vorher
als zukünftiger Ministerpräsident favorisierte
Generalsekretär der PRS, António Artur Sanhá, nach dem
Tod einer angeblichen Geliebten (Gazeta de Notícias, ,
8. 8. 01, 22.8.01:12) und Demonstrationen einiger
tausend Menschen als Minister für öffentliche
Verwaltung entlassen; am 21. 11. die Außenministerin
Antonieta Rosa Gomes.
Im Parlament verfügte die Partei des Präsidenten, PRS,
mit 37 Sitzen über keine eigene Mehrheit, die
Oppositionsparteien Resistência da Guiné-Bissau -
Movimento Ba-Fatá - RGB über 28 und die frühere
Einheitspartei Partido Africano da Independência da
Guiné e Cabo Verde - PAIGC über 23 Sitze (insges. 102
Abgeordnete). Zu den zahlreichen im Land registrierten
Parteien kamen 2001 zwei neue hinzu: Die von Francisco
Fadul, dem allseits geachteten
Interims-Ministerpräsident der Regierung der
Nationalen Einheit während des Bürgerkriegs,
gegründete Partei für Entwicklung und
Staatsbürgerschaft - Partido para o Desenvolvimento e
Cidadania - PDC; und die von dem ehemaligen Minister
Iancuba Injai gegründete Partido Socialista do
Trabalho - PST (EIU Januar 2002:41). Wegen interner
Führungskämpfe mussten die für 2001 vorgesehenen
Parteikongresse der PAIGC, der PRS und der RGB teils
mehrfach verschoben werden. In der ehemaligen
Regierungs- und Einheitspartei PAIGC ist der Umgang
mit den alten Machthabern, vor allem mit dem 1999
gestürzten João Bernardo "Nino" Vieira und seinen
engsten Mitarbeitern, ein bisher nicht gelöstes
Problem.
Das Parlament hob am 27. 3. Art. 5 der Verfassung und
das Wählbarkeitsgesetz auf, die Bewerber mit
ausländischer Herkunft von den höchsten Staatsämtern
ausgeschlossen hatten. Eine Verfassungsänderung vom 5.
4. ermöglicht die doppelte Staatsangehörigkeit und
legalisierte damit die besonders bei der Elite weit
verbreitete Praxis. Die seit 1994 vorgesehenen
Gemeinderatswahlen wurden auch 2001 nicht
verwirklicht.
Gegen den Präsidenten Kumba Yalá und Premierminister
N'Tchama werden Vorwürfe der "Balantanisierung"
erhoben, also einer Bevorzugung der Volksgruppe der
Balantas in der Politik, Beschäftigung im öffentlichen
Bereich und in der Armee (z. B. EIU Jan. 2002: 35).
Viele führende Positionen in Politik, Verwaltung und
in den Streitkräften wurden unter ethnischen
Gesichtspunkten besetzt, was viele erfahrene Personen
aus der Verantwortung drängte, unfähige nachrücken
ließ und zur allgemeinen Ineffizienz der
Staatstätigkeit beitrug. Der Präsident identifiziert
sich sichtbar als Balanta durch seine rote Mütze, die
er auch bei offiziellen Anlässen im In- und Ausland
trägt. Der seit den Unabhängigkeitskriegen betonte
ethnische Pluralismus ist zunehmend in Frage gestellt.
Trotz spürbarer, vom Präsidenten und seiner Partei PRS
geförderten Bevorzugung der Balantas ist das
friedliche Miteinander aller Ethnien und der Menschen
und ein hoher Grad an allgemeiner Sicherheit
auffallend. Der Bürgerkrieg hat allerdings viele
Waffen unters Volk gebracht und auch schlimme Zeichen
von Sittenverfall gezeitigt.
Der Präsident machte sich durch verbale Exzesse und
exzentrisches Verhalten zunehmend unglaubwürdig. Er
traf viele Entscheidungen ohne Konsultation der
zuständigen Organe, Parteien oder Personen; er
beleidigte und bedrohte vielfach politische Gegner,
Demonstranten ("imoral"; s. Africa Analysis 1. Dez.
2000), Oppositionsparteien und das Parlament. Die
Opposition bezeichnete ihn als die sichtbarste Ursache
der Instabilität des Landes; er führe, so die damalige
und im November entlassene Außenministerin Antonieta
Rosa Gomes, das Land auf den Weg zu einer Diktatur.
Ausländische Kommentatoren nannten ihn "zunehmend
unberechenbar" und seine Politik als "gefährlich auf
Konfrontation gerichtet", mit wachsendem
Autoritarismus und Unterdrückung jeder abweichenden
Position (EIU Country Report Jan. 2002: 35). Der
frühere portugiesische Präsident Mário Soares
bezweifelte seine geistige Tauglichkeit für das Amt
des Präsidenten (dto.: 40), was vom Präsidialamt mit
Äußerungen ähnlicher Art über Soares zurückgewiesen,
von einer der Oppositionsparteien aber als allgemein
bekannt gekennzeichnet wurde (Fraskera 9.12.2001).
Örtliche Zeitungen sprechen von einer "als Demokratie
verkleideten Diktatur" des Präsidenten und sehen das
Land "am Rande einer Explosion" (z. B. Diário de
Bissau, 28.9.2001:4, Gazeta de Notícias 27.9.01:11; Nô
Pintcha 19.10.01).
Im Anschluss an den tatsächlichen oder angeblichen
Staatsstreichversuch vom 22./23. 11. 2000 und den Tod
des Chefs der Militärjunta, Brigadegeneral Ansumane
Mané, waren ca. 140 Offiziere und Soldaten gefangen
gesetzt worden, wurden jedoch auf Anordnung des
Richters Artur da Silva wegen Mangels an Beweisen
Anfang 2001 freigelassen. Daraufhin ordnete der
Präsident der Republik am 12. Januar 2001 ihre erneute
Einweisung ins Gefängnis an (CGB 28. 12. 2001: 6).
Einer der gefangenen Offizier, Baba Djassi, starb am
5. 2.; seine Witwe bat Amnesty International um die
Untersuchung der Todesursache (CGB). Auch die
Entlassung von Beamten und Diplomaten wie Nagib Jauad
und Anssumane Conté wurde dem Präsidenten als
persönlich motivierte Verfolgung angelastet. Am 19. 2.
sollen Sicherheitskräfte erneut einen Staatsstreich
versucht haben. Der Sicherheitschef des Präsidenten,
Baciro Dabó, warnte vor einem ethnisch-religiös
motivierten Bürgerkrieg und wurde am 22. 2. entlassen.
Am 3. 12. erklärte der ehemalige Minister Alamara
Nhassé, der kurz danach zum neuen Ministerpräsident
ernannt wurde, dass ein für den Vortag angeblich
geplanter Staatsstreich vereitelt wurde. Es kam zur
Festnahme mehrerer Offiziere. Politiker der Opposition
sprachen offen von Inszenierung.
Seit dem Militärputsch von 7. Juni 1998 und dem daraus
entstandenen elfmonatigen Bürgerkrieg hatten die
Militärs ihren Einfluss auf Regierung und Gesellschaft
verstärkt. Der Presse und den Parteien gegenüber
drohten sie immer wieder offen auch mit physischer
Gewalt (z. B. der Militärkommandant der Zone Nord,
Tágme Na Waye gegenüber den Politikern Francisco
Benante und Nado Mandinga am 15. 1. 2001; CGB 28. 12.
2001: 6). Sie hätten schon, so ein Offizier, "eine
Liste der zu tötenden Politiker" bereit (Afrique
Express 227, 18.4.2001). Am 29. 3. unterbrach der Chef
des Generalstabs der Luftwaffe, General Manuel M.
Fernandes ("Manuel Mina"), eine Sendung von Rádio
Bombolom und drohte, der Sender sei "beim nächsten
Konflikt das erste Ziel, das zerstört werde". Zwei
Tage später bezeichneten die führenden Militärs in
einer mehrstündigen Fernsehdebatte Zivilisten, Presse
und Öffentlichkeit als inkompetent und nicht
berechtigt, sich zu militärischen Fragen zu äußern,
und drohten offen mit Repression. Die wenigen
teilnehmenden Zivilisten, vor allem João de Barros
(Diário de Bissau), Agnelo Augusto Regalla (Rádio
Bombolom) und Abdu Mané (Rechtsanwalts-Verband),
plädierten für die Notwendigkeit des Primats der
Politik, für Beachtung der Rechtsstaatlichkeit und für
Versöhnung und Ausgleich zwischen den
Interessengruppen. Bis Jahresende entwickelte sich die
Situation des Landes jedoch zunehmend in Richtung
Konfrontation und willkürliche Interventionen der
Militärs und des Präsidenten in alle Bereiche der
Politik, der öffentlichen Finanzen und der
Gesellschaft.
Die Fernsehdebatte zeigte deutlich, dass das Land noch
weit von innerer Stabilität und einer demokratischen
Ordnung mit funktionierenden Mechanismen des sozialen
Ausgleichs entfernt ist. Das Parlament tadelte die
Einmischung der Militärs. Daraufhin drohte der
Präsident mit der Auflösung des Parlaments. Am 12. 7.
bezeichnete Generalstabschef Veríssimo Seabra die
Politiker als Hauptverursacher der Instabilität im
Land, da sie sich in militärische Angelegenheiten
einmischten (EIU Okt.2001: 38). Am 21. 10. sagte Kumba
Yalá, die Militärs sollten auf alle Politiker
schießen, die sich den Kasernen nähern (CGB; Diário de
Bissau, 24.10.02:12), eine Aussage, die er am 12. 12.
bei der Amtseinführung des neuen Ministerpräsidenten
wiederholte: "Haltet Euch von den Kasernen fern, das
sind keine Arenen für die Politik. Ich habe den
Militärs den Befehl erteilt, auf jeden Politiker zu
schießen, der sich in eine Kaserne wagt" (Afrique
Express 241, 17.12.01) (Banobero 19.12.2001).
Alle leitenden Militärposten waren vom Präsidenten
nach dem Scheitern der Militärjunta und der Ermordung
ihres Führers Ansumane Mané von eigenen
Vertrauenspersonen besetzt worden (Afrique Express
219, 15.11.2000). Nach der Bevorzugung der Balantas
durch Kumba Yajá muss mit der Unzufriedenheit der
übrigen Ethnien in den Streitkräften als
Unsicherheitsfaktor gerechnet werden, u. a. auch
aufgrund der traditionell engen Verflechtungen
zwischen den Militärs und der jetzt in der Opposition
befindlichen PAIGC.
Die Forderungen der Militärs zielten auf Zahlung
rückständiger Gehälter und Verbesserung der
Lebensbedingungen der Soldaten. Der Spitze der
Streitkräfte wurde nachgesagt, sich illegal und teils
mit offener Gewalt großer Teile der Staatseinnahmen
sowie ausländischer Finanz- und Projekthilfen zu
bemächtigen und ein Netz von Beteiligungen an
staatlichen und privaten Einkünften etabliert zu
haben. Dem Druck der Militärs und ihrem illegalen
Zugriff auf interne und externe Ressourcen des Landes
wurde auch zumindest ein Teil der im Laufe des Jahres
bekannt gewordenen Finanzskandale zugeschrieben, bei
dem große Summen verschwanden, ohne dass es je eine
ernsthafte Untersuchung gegeben hätte (so z. B. EIU
Country Report Jan. 2002: 36).
Aber selbst die Zahl der Soldaten wird wie ein
Staatsgeheimnis gehütet, ebenso die Besoldung der
Offiziere. Die auf knapp 26.000 Mann geschätzten
Streitkräfte haben einen überproportionalen Anteil an
Offizieren (Afrique Express 219, 15.11.2000) und
beanspruchen einen großen Teil der Staatsfinanzen, der
2001 im Vergleich zum Vorjahr noch stieg. Die Höhe der
Militärausgaben war eine der Schwierigkeiten der
Verhandlungen mit IWF und Weltbank (Africa Research
Bulletin 14575, Nov./Dez. 2000, 3. Spalte), die ihre
Reduzierung auf 4.000 Mann verlangten (Afrique Express
226, 2/4/01). Ein mit umfangreichen Mitteln
ausgestattetes Demobilisierungsprogramm arbeitete auf
Sparflamme; die Presse sprach von Zweckentfremdung der
Mittel. Der scheidende französische Botschafter
bezifferte (in Diário de Bissau 344, 5.4.2001) die
aktiven Militärs, die Paramilitärs und die Militärs im
Ruhestand zusammen auf zwischen 30 und 40.000; das
wären bis zu vier mal mehr als alle im Privatsektor
des Landes formell Beschäftigen.
Auslöser der Krise zwischen dem Präsidenten der
Republik und der Justiz scheint das Verbot und die
Ausweisung der ausländischen Mitarbeiter der
islamischen Organisation der Amadhiyya
(Hamadya/Ahamdyya) im August gewesen zu sein, als der
Präsident die Richter wegen einer ihm nicht genehmen
Entscheidung als "korrupt, inkompetent, falsch und
lügnerisch" beschimpfte (CGB). Tieferer Hintergrund
ist die im Land übliche und auch mit der
Demokratisierung nicht überwundene Praxis der
politischen Einmischung in die Justiz. Am 6. Sept.
entließ der Präsident den Generalstaatsanwalt Rui
Sanhá (EIU Okt.2001). Am 7. 9. kündigte der
Vizepräsident des Obersten Gerichtshofs an, den
Präsidenten der Republik zu verklagen "wegen
Drohungen, Beleidigungen und Einmischung in die
inneren Angelegenheiten der Justiz" (Afrique Express
235, 17.9.2001). Der Präsident entließ daraufhin am
10. 9. 2001 entgegen den Bestimmungen der Verfassung
drei Richter des obersten Gerichtshofs und ersetzte
sie am 19. 9. durch andere. Er ernannte den
vorherigen, allgemein heftig kritisierten
Regierungschef Caetano N'Tchama zum
Generalstaatsanwalt. Im Verlauf des Konflikts wurden
ca. zwanzig Richter vom Präsidenten suspendiert oder
entlassen. Er drohte, bei einem eventuellen Konflikt
im Lande die Richter als erste zum Ziel der Repression
zu machen (CGB 28.12.: 11.Okt.). Der Sicherheitsdienst
des Präsidenten nahm den Richtern ihre Dienstwagen
bzw. die Wagenschlüssel mit Gewalt weg (16. Oktober;
Diário de Bissau, 18.10.02). Die Richtervereinigung
protestierte gegen das rechtswidrige Vorgehen; das
Parlament verlangte vom Präsidenten am 23. 10. die
Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Trennung von
Regierung und Justiz und entzog dem Präsidenten das
Vertrauen, "bis dieser die verfassungsmäßige Ordnung
wiederherstellt, die er mit Füßen getreten hat". Auch
den Staatsbediensteten drohte der Präsident
summarisch, 60% von ihnen zu entlassen.
Am 25. September kam es zu einem dreißigtätigen Streik
der Richter, denen sich die Staatsanwälte am 2.
Oktober anschlossen. Als Reaktion beschuldigte der
Präsident die beiden entlassenen obersten Richter der
Unterschlagung von 78 Mio. Francs CFA (ca. 118.000
Euro) und ließ im November die abgesetzten Präsidenten
und Vizepräsidenten des Obersten Gerichtshofs,
Emiliano Nosolini dos Reis und Venâncio Martins, sowie
Fernando Té festnehmen. Das Parlament protestierte und
erkannte die Entlassung der alten und die Ernennung
der neuen Richter nicht an. Daraufhin drohte der
Präsident am 1. November, das Parlament für die Dauer
von zehn Jahren zu schließen (Marchés Tropicaux
9.11.01). Es kam zu großen Demonstrationen gegen Kumba
Yalá.
Seit der allmählichen Demokratisierung Ende der 80er
und Beginn der 90er Jahre sind Präsidenten und
Regierungen immer wieder und teils drastisch gegen die
Pressefreiheit eingeschritten, haben Journalisten
verhaften, Zeitungen verbieten und unbotmäßige Radio-
und Fernsehsendungen absetzen lassen. Auch die
demokratisch gewählten Regierungen setzten diese
Praxis fort. Am 9. Januar 2001 besetzte die Polizei
den Radiosender in Nhacra und zwang die streikenden
Techniker, die Arbeit fortzusetzen (CGB 28. 12. 2001:
6). Wegen eines Berichts über Korruption im
Finanzministerium wurden am 17. und 18. 6. der
Direktor und ein Journalist des Diário de Bissau, João
de Barros und Athizar Mendes Pereira, ohne Verfahren
inhaftiert. Der neu ernannte Generalstaatsanwalt
Caetano N'Tchama drang am 8. 9. in den privaten
Radiosender Pidjiquiti ein und beschlagnahmte ihn
beschuldigendes Material. Die Zeitungen Diário de
Bissau und Gazeta de Notícias wurden von ihm wegen
angeblicher Gefährdung der Unabhängigkeit und der
physischen Integrität des Landes (EIU Jan.02:39u.) am
27. Oktober auf unbestimmte Zeit verboten. Der Inhaber
und Leiter des Diário de Bissau, João de Barros, wurde
am 15. 11. erneut für einige Tage verhaftet;
Radiosender wurden verwarnt, da sie angeblich "zum
Hass und zur Stammesfeindschaft aufrufen" (Marchés Tr.
23.11.2001). Da die regierungsfreundliche Zeitung Nô
Pintcha und einige andere Zeitungen nur sehr
unregelmäßig erscheinen, ist das Land weitgehend ohne
Presse.
Außenpolitik
Präsident und Regierung bemühten sich um gute
Beziehungen zu den anderen Staaten in der Region;
während vor dem Bürgerkrieg und bis Ende 1999 das
Verhältnis insbesondere zu Senegal durch den
Casamance-Konflikt belastet war und es auch 2001 zu
weiteren Kämpfen an der Nordgrenze des Landes kam (s.
z. B. Diário de Bissau, 26.4.2001; dto. 14.6.2001:
16). Als einer unter vielen langjährigen Unruheherden
in West-Afrika (Senegal, Republik Guinea, Liberia,
Sierra Leone, Côte d'Ivoire) trägt die
Unabhängigkeitsbewegung der Casamance (MFDC) zur
regionalen Instabilität bei. Daran haben auch der
Waffenstillstandsvertrag vom 16. 12. 2000 und die
Friedensvereinbarungen von Ziguinchor zwischen dem
Innenminister von Senegal und dem Generalsekretär der
Unabhängigkeitsbewegung, Abbé Augustin Diamacoune
Senghor, vom 16.3.2001 nichts geändert. Diamacoune
Senghor wurde im August d. J. zum Präsidenten und
Jean-Marie François Biagui zum neuen Generalsekretär
gewählt.
Die Regierung in Bissau zeigte sich entschlossen, die
Truppen der Unabhängigkeitsbewegung vom nationalen
Territorium zu vertreiben und ihre Militärbasen zu
zerstören; trotzdem gilt Guinea-Bissau weiterhin als
Rückzugsgebiet der Rebellen. Dabei berufen sich die
Rebellen auf die Unterstützung Guinea-Bissaus im
Unabhängigkeitskrieg sowie während der Rebellion gegen
den Präsidenten Vieira 1998/99. Auch 2001 gab es
verschiedene Übergriffe senegalesischer Truppen auf
guineisches Gebiet. Guinea-Bissau verstärkte seine
Militärpräsenz im Norden.
Im Mai wurden in der Gegend von São Domingos an der
Nordgrenze mehr als tausend Flüchtlinge aus der
Casamance gezwungen, das Land zu verlassen (Marchés
Tr. 1.6.). Die Gesamtzahl der guineischem Gebiet
ansässigen Flüchtlinge aus der Casamance wurde mit
7.500 angegeben. Der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge
soll nach The Economist Intelligence Unit Country
Report vom Juli 2001 (S. 39) die Zahl der auf
guineischem Gebiet ansässigen Flüchtlinge auf 23.000
schätzen. Das UN-Flüchtlingswerk kritisierte die
Vertreibungsaktionen, während der UN-Generalsekretär
am 16. März vor der Gefahr warnte, dass Guinea-Bissau
sich militärisch in den Casamance-Konflikt verwickelte
(EIU Juli 2001: 39). Die durch die Militäraktionen
verursachten Aushaben wurden nach Meldungen
internationaler Nachrichtenagenturen zumindest
teilweise durch für soziale Zwecke bestimmte
ausländlische Mittel finanziert und sollen eine der
Gründe für die Suspendierung des PRGF-Programms im Mai
gewesen sein (EIU Okt. 01: 40; dto Juli 2001: 40).
Die Finanzskandale sowie Äußerungen des
Staatspräsidenten führten zu weiteren Verstimmungen in
den Beziehungen zu bilateralen und multilateralen
Geldgebern. Eine Warnung des örtlichen United Nations
Peace-building Support Office (UNOGBIS) und des
Generalsekretärs der Vereinten Nationen an den
UN-Sicherheitsrat vor der gefährlichen Instabilität im
Land und der Gefahr vor Revolten als Folge nicht
transparenter Regierungstätigkeit wurde von der
Regierung als "falsch und bösartig" und als
Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes
zurückgewiesen (EIU Jan.2002: 40; Nô P. 3.7.2001; Text
in Gazeta de Notícias, 4.10.2001, S. 3)). Der
zuständige Regionaldirektor des UNDP, Jacques Loup,
betonte während eines Aufenthalts in Bissau vom 6. bis
10. Oktober 2001, dass Stabilität und Demokratie die
Vorbedingung für die Konkretisierung der dem Land nach
dem Krieg 1999 auf der Geberkonferenz von Genf
gegebenen Hilfe-Zusagen sei und dass er auf die
Erfüllung der Voraussetzungen im Jahr 2002 hoffe. Wie
Weltbank und IWF verhalten sich alle multi- und
bilateralen Geber abwartend angesichts der im Land
herrschenden politischen Unsicherheit (vgl. auch EIU
Okt. 2002: 36).
Der Staatspräsident und einige Minister haben in
offiziellen Besuchen der Nachbarländer zur
Verbesserung der Beziehungen und zur Stabilisierung
der regionalen Friedens beigetragen (EIU Juli 2001:
39).
Das US-Außenministerium erließ am 11. Mai eine
Reisewarnung für Guinea-Bissau aufgrund der unruhigen
politischen Situation und des Fehlens amerikanischer
konsularischer Präsenz im Land. Der Besuch des
republikanischen Abgeordneten des Jerry Pierce Santos
in Bissau wurde von der örtlichen Presse als Anzeichen
für die Bereitschaft der USA gesehen, die
diplomatische Präsenz in Bissau nach mehr als
dreijähriger Unterbrechung wieder aufzunehmen (Diário
de Bissau, 10.8.2001).
Ein für den 3. Oktober vorgesehener Besuch des
portugiesischen Ministerpräsidenten wurde wegen der
instabilen Lage im Land abgesagt. Er und andere, auch
afrikanische Politiker bemühten sich nach
Presseberichten, Kumba Yajá von seinem
Konfrontationskurs mit der Justiz und anderen
Instanzen abbringen (EIU Jan. 02: 41).
Am 27. 10. schloss die Regierung ein neues Abkommen
mit UNICEF für die Jahre 2003-2007.
Wegen Nicht-Bezahlung seiner Mitgliedsbeiträge verlor
Guinea-Bissau sein Stimmrecht in der
UN-Vollversammlung (EIU Jan.02: 42).
Guinea-Bissau trat auf der 37. Jahresversammlung der
OAU - Organisation of African Unity der neu
gegründeten African Union (AU/UA) bei.
Sozioökonomische Entwicklung
Guinea-Bissau ist eines der ärmsten Länder der Welt.
Im neuesten Weltentwicklungsbericht der Vereinten
Nationen (für 2001) nimmt das Land in der Rangliste
des Indexes der menschlichen Entwicklung (HDI) Platz
156 von 162 Ländern ein, beim Armutsindex Platz 86 von
90 Entwicklungsländern. Die Lebenserwartung beträgt
nach diesen Angaben 44,5 Jahre, die Rate der
Erwachsenenalphabetisierung 37,7%, das
kaufkraftbereinigte Prokopfeinkommen 678 US-$ pro Jahr
(Daten für 1999). Die Versorgung mit öffentlichen
Gütern ist so schlecht wie eh und je: Strom und Wasser
gibt es selbst in der Hauptstadt Bissau nur sehr
unregelmäßig, außerhalb Bissaus nur in seltenen
Fällen. Die Western Union kündigte Ende 2001 an, ihre
Vertretungen im Landesinnern aufzulösen, weil sie ohne
Telephonverbindungen nicht arbeiten kann (CGB
20/12/2001). Die Zustände in den Krankenhäusern sind
nach wie vor katastrophal. Der Gegensatz zwischen
Stadt und Land in der Versorgung und
sozio-ökonomischen Infrastruktur war nur während des
Bürgerkriegs von 1998/99 verwischt, als Bissau teils
zerstört und sehr unsicher war und die Kleinstädte und
Dörfer des Landesinnern vielen Zuflucht boten. Bald
aber wurde die Hauptstadt - trotz aller Defizite und
Schwierigkeiten - wieder zum Zentrum aller staatlichen
und privaten Interessen, während das Landesinnere wie
immer vernachlässigt wird.
Missstände an den Schulen, Unterrichtsausfall und
Monate große Rückstände bei der Bezahlung der Lehrer
führten im Februar zu Protesten und Kundgebungen
tausender Schüler in Bissau, Bafatá, Gabú, Mansoa und
anderen Städten. Die allgemeine Unzufriedenheit sowie
Rückstände der Gehälter führen zu zahlreichen Streiks
der Lehrer und in anderen Bereichen des öffentlichen
Sektors. Am 9. Juli rief die Confederação Geral dos
Sindicatos Independentes zu einem fünftägigen Streik
als Protest gegen Verarmung und sich verschlechternde
Arbeitsbedingungen auf (EIU Okt.2001: 42). Ende Juli
begann die Regierung mit der Auszahlung der Gehälter
für Mai, Juni und Juli. Bis Ende des Jahres fanden
mehrere weitere Streiks einzelner Bereiche des
öffentlichen Dienstes, u.a. des Gesundheitswesens,
sowie in einzelnen Privatunternehmen statt.
Der am 29. 5. vom Parlament verabschiedete Haushalt
für 2001 hatte einen Umfang von 94 Mrd. Francs CFA
(ca. 143 Mio Euro). 80% des Haushalts waren von
Auslandshilfe abhängig. Erziehung und Gesundheit,
Militär und Präsidialamt waren mit 82% des
Gesamtvolumens beteiligt.
Presseberichte deckten "skandalöse Missstände in der
öffentlichen Finanzverwaltung" (CGB) auf. Die Zeitung
Diário de Bissau sprach von 10 Mrd. Francs CFA (ca. 15
Mio Euro), die illegal verausgabt wurden. Daraufhin
wurden am 17. und 18. 6. der Direktor und ein
Journalist dieser Zeitung verhaftet. Der Wirtschafts-
und Finanzminister bestätigte allerdings, dass es
Unregelmäßigkeiten gab. Am 12. 7. wurde erneut von
Unterschlagungen im Finanzministerium berichtet,
diesmal von 800 Mio Francs CFA (ca. mehr als 1,3 Mio
Euro). Trotz Drohungen des Präsidenten wurde der Fall
nicht aufgeklärt und hatte keine personellen oder
strafrechtlichen Konsequenzen. In seiner
Tätigkeitsbilanz als Premierminister verlangte Imbali
eine internationale Untersuchung der
Unregelmäßigkeiten, um nachzuweisen, dass ihn keine
Schuld trifft (Nô P. 20.12.2001:5). Ohne dass es eine
entsprechende Untersuchung gegeben hätte, beschuldigte
allerdings der Staatspräsident im April 2002 seinen
ehemaligen Premierminister Imbali, Gelder in Höhe von
2,5 Mio Euros unterschlagen zu haben (IRIN). Eine
parlamentarische Untersuchungskommission stellte die
Unterschlagung oder ungesetzliche Verwendung von mehr
als 15 Mio. US-$ fest (West Africa 3/9.Dez. 2001; EIU
Jan. 2002: 42), eine Summe, die immerhin mehr als
einem Zehntel des Jahreshaushalts des Landes und der
Hälfte des gesamten Steueraufkommen entspricht.
Der Preisverfall auf dem Weltmarkt für das
Hauptausfuhrprodukt des Landes, Cashew-Kerne,
verringerte trotz guter Ernte von 78.000 Tonnen die
Steuer- und Deviseneinnahmen des Landes dramatisch.
Cashew ist für mehr als 60% des Exports
verantwortlich, hat aber aufgrund seiner breit
gestreuten Produktion eine relativ noch größere
Bedeutung für die unmittelbare Überlebenssicherung der
ärmeren Landbevölkerung.
Während Guinea-Bissau nach den Kriterien des IWF den
Strukturanpassungskredit 1995-98 in ausreichend
effizienter Form genutzt hatte, wird die Erreichung
der Zielvorgaben für 2000-2003 als sehr viel
kritischer angesehen. Die Regierung hatte 2000 ein
vorläufiges Programm zur Armutsreduzierung (I-PRSP;
IMF, 20.12.00) vorgelegt und der IWF daraufhin im
Dezember 2000 einen Kredit von 18 Mio US-$ innerhalb
seines PRGF-Programms (Poverty Reduction and Growth
Facility) bewilligt. Damit sollte u. a. sichergestellt
werden, dass das Land 2003 das Bruttosozialprodukt von
vor dem Krieg wieder erreicht. IWF und Weltbank
beschlossen ebenfalls einen weitreichenden, an
Bedingungen geknüpften Schuldenerlass. (Marché
Tropicaux 29.12.2000). Die für 2001 festgelegten Ziele eines dauerhaften
Wachstums von 8-9%, der Verbesserung der
makroökonomischen Performance, der wirtschaftlichen
Aussenbeziehungen und des allgemeinen Niveaus der
Verwaltungs- und Regierungstätigkeit,
Haushaltskonsolidierung, Stärkung des Privatsektors,
Armutsreduzierung und Effizienz des Gesundheits- und
Erziehungswesens wurden jedoch erreicht. Auch die
politischen Turbulenzen des Landes führten zu
Schwierigkeiten mit IWF und Weltbank sowie mit
bilateralen Gebern. Der Guineer Paulo Gomes erklärt
seitens der Weltbank in einem Zeitungsinterview am 4.
Mai 2002, dass die unsolide Wirtschafts- und
Finanzpolitik und die makroökonomischen
Ungleichgewichte die Beziehungen des Landes zur
Weltbank belasten. Der IWF setzte im Mai die Freigabe
der Anleihe aus, da die Regierung den Bedingungen
nicht entsprach, und schloss eine viermonatige
Übergangsvereinbarung (für August/Dezember 2001) mit
der Regierung (EIU Jan.2002: 36; dto. Okt. 2001: 41).
Allerdings äußert sich der Weltbank-Vizepräsident für
Afrika am 27. Oktober positiv über die Erfolge des
Landes bei der Erreichung der festgesetzten Ziele
(Marchés Tr. 2.11.2001). Die IWF/Weltbank-Mission vom
21./24. 11. erkannte Fortschritte an, blieb jedoch
ohne Durchbruch (idem: 42; Nô Pintcha 29.11.2001: 6-7
bringt den Text des Aide Mémoire). Der für Anfang 2002
erwartete Abschluss eines neuen Abkommens mit den
UN-Organisationen ist für das Land und seine Regierung
überlebenswichtig.
Legale und illegale Bereicherung und die absolute
Funktionsuntüchtigkeit des Staates haben die Kluft
zwischen Arm und Reich weiter geöffnet. Das Land
erholt sich nur sehr langsam von der Halbierung seines
Inlandsprodukts durch die Krieg. Privatunternehmen,
die durch Kriegseinwirkungen oder durch Flucht der
Inhaber zum Erliegen kamen, sind zum Teil noch nicht
reaktiviert worden. Importfirmen sprechen von der
Reduzierung ihres Umsatzes auf 20-30% des
Vorkriegsvolumens.
Formale Beschäftigungsverhältnisse außerhalb des
öffentlichen Sektors übersteigen nicht die Gesamtzahl
von etwa 10.000 im ganzen Land. Die Angaben über
Staatsbedienstete schwanken zwischen 11 und 15 000,
von denen ein Großteil, nämlich bis zu 6.000
"Phantome" sein sollen (West Africa 3./9.Dez. 2001; Nô
P. 5.3.2002:10), Personen also, die entweder gar nicht
existieren oder nicht als Funktionäre arbeiten,
sondern nur auf den Gehaltslisten stehen, um die
entsprechenden Gelder zu unterschlagen (Bsp.
Erziehungsministerium; vgl. Marchés Tr. 8.6.2001; EIU
Jan. 2002: 43). Die Gehälter im öffentlichen Dienst
entsprechen mehrheitlich nicht den minimalsten
Anforderungen der Lebensführung. Fast die Gesamtheit
der Bevölkerung ist auf informelle Tätigkeit,
insbesondere auf Subsistenzlandwirtschaft und
Kleinhandel angewiesen. Premierminister Faustino
Imbali erklärte wohl auch zu Recht, dass die
Bekämpfung der Korruption in der öffentlichen
Verwaltung nicht ohne die Erhöhung der Gehälter der
Staatsbediensteten möglich sein wird.
Bei fast völlig fehlenden privaten produktiven
Investitionen und nur unbedeutender, kapitalschwacher
Privatwirtschaft ist der Staat nach wie vor die
zentrale gesellschaftliche Instanz des Landes, nicht
nur als größter Arbeitgeber, sondern vor allem durch
seine Rolle bei der Kanalisierung ausländischer
Finanz- und Projekthilfe. Die große Abhängigkeit des
Landes von Auslandsfinanzierung führte bei fast
völligem Fehlen von Alternativen (es sei denn in der
Auswanderung) zu heftigen Kämpfen innerhalb der
führenden Schichten um Funktionen, Posten und
Teilhabe. Der politische Umschwung nach den ersten
Parlamentswahlen 1994 und besonders der Bürgerkrieg
von 1998/99 haben neuen sozialen Schichten
Aufstiegschancen und damit Möglichkeiten der legalen
und illegalen Bereicherung gegeben,
Der Funktionsverlust des Staates hat die Bedeutung
multilateraler und bilateraler Hilfen, von
"Entwicklungsprojekten" als Staatsersatz und vor allem
zivilgesellschaftlicher Initiativen und der
Nichtregierungsorganisationen erhöht. Ausländische und
einheimische NRO haben auf allen Gebieten der
Gesundheit, Erziehung und Bildung, Umwelt, Produktion
und Kommunikation zunehmend Verantwortung übernommen.
Die Auslandsschulden werden Ende 2000 mit einer Mrd.
US-Dollars angegeben (SWB 9.9.2000). Schwer lastet auf
der Wirtschaft auch die Inlandsschuld des Staats,
dessen oberste Funktionäre alter Gewohnheit aus Zeiten
der Diktatur gemäß ihre Rechnungen nicht bezahlen. Die
während des Kriegs erpressten Lieferungen sollen sich
auf etwa zehn Mrd. Francs CFA (ca. 15 Mio Euro)
belaufen (Banobero 15.2.2002: 4). Ihre Tilgung durch
ausländische Finanzhilfe wird als vordringliche
Aufgabe zur Wiederankurbelung der Wirtschaft gesehen.
Die Inhaftierung von 143 Personen, mehrheitlich
Offizieren, unter der Beschuldigung, am Versuch eines
Staatsstreichs im Nov. 2000 beteiligt gewesen zu sein,
und von denen Anfang Mai noch ca. 120 im Gefängnis
waren, wird zwar vom obersten Gericht, Anwaltskammer
und der öffentlichen Meinung als willkürlich, illegal
und verfassungswidrig gebrandmarkt, von den Militärs
und dem Staatspräsidenten aber beibehalten. Der
frühere Vorsitzende der Menschenrechtsliga von
Guinea-Bissau, Regimekritiker und Vorsitzender der
Sozialistischen Partei, Fernando Gomes, wurde mehrmals
verhaftet. Die Liga für Menschenrechte wurde vielfach
von Politikern, der Polizei und Staatsanwaltschaft
unter Druck gesetzt und bedroht und ihre
Führungspersönlichkeiten mehrmals verhaftet. Die Liga
veröffentlichte eine große Zahl von
Menschrechtsverletzungen in allen Landesteilen durch
Polizei, Militärs, Regierung und den Präsidenten
(Abdruck in Gazeta de N. 30.7.2001: Beilage) und
bezeichnete das Jahr 2001 als "ein schwarzes Jahr für
die Menschenrechte im Lande" (Nô P., 7.1.2002). In
mehreren Berichten stellt auch Amnesty International
schwere Menschenrechtsverletzungen fest (EIU Juli
2002: 38; Banobero 8.2.2002:8; Gazeta de N.,
18.9.2001: Text ai; Diário de Bissau 4.10.01:6-8).
Im Mai 2001 setzte die vereinigte Opposition als
Bedingung für die Zustimmung zum Regierungsprogramm
von Imbali die Freilassung von 99 der damals noch 124
Gefangenen der Unruhen von Nov. 2000 durch (Marchés
Tropicaux, 25.5.). Mit dem früheren Stabschef der
Marine, Lamine Sanhá, am 16. Juni scheint der letzte
Prominente aus der Haft entlassen zu sein (EIU Okt.
2001: 38).
Guinea-Bissau ist arm an abbaubaren Rohstoffen.
Förderfähige Erdölvorkommen im Off-Shore-Gebiet
zwischen Senegal und Guinea-Bissau wurden vertraglich
im Verhältnis von 80:20 zugunsten Senegals vergeben
(EIU Okt. 2001: 43/44). Das Land bemühte sich um
Verbesserung der Kontrolle illegaler Fischerei, u.a.
durch eine zu diesem Zweck im April gegründete Behörde
und ein ab dem 16. Juni gültiges Fischereiabkommen mit
der EU mit einer Laufzeit von fünf Jahren (EIU Jul
2001:41, 43). Die Erschließung von Bauxit- und anderen
Rohstoffvorkommen und der dazu notwendige Bau von
Eisenbahnlinien und der Ausbau eines Hafens im Süden
des Landes ist auch 2001 ebenso wenig über
Absichtserklärungen hinaus gediehen wie der
wirtschaftliche Aufschwung durch Privatisierung der
maroden Staatsunternehmen. Die auch bisher nur
geringen touristischen Aktivitäten waren vom Krieg
unterbrochen worden. Insbesondere fehlt
Transport-Infrastruktur, um die vom Jagd- und
Fischereitourismus vor dem Krieg bevorzugten
Bijagós-Inseln leicht zu erreichen.
Eine neue Luftfahrtgesellschaft, die Guinea-Bissau
Airlines, begann ihre Tätigkeit am 15. Mai mit einem
einmal wöchentlichen Flug zwischen Lissabon und Bissau
(EIU Juli 2001: 42). Der durch den Krieg unterbrochene
Bau der Brücke über den Mansoa bei João Landim mit
EU-Finanzierung wurde wieder aufgenommen und soll in
zwei Jahren abgeschlossen sein.
Das Fehlen eines wenigstens minimal funktionierenden
Bankwesens behinderte jede Wirtschaftstätigkeit. Die
örtliche Niederlassung der Banco Central dos Estados
da África Ocidental (BCEAO) und die Niederlassung der
portugiesischen Bank Totta e Açores funktionierten nur
zeitweise und sehr eingeschränkt. Die staatliche Banco
Internacional da Guiné-Bissau erholte sich nicht.
trotz eines Darlehens der BECAO von 8 Mio US-$; Nô P.
10.8.2001: 3) nicht. Die Banco da África Ocidental -
SARL hat in Bissau eine Niederlassung gegründet
(Anzeige in Banobero 28.12.2001: 8).
Das u. a. von der Bundesrepublik Deutschland
mitfinanzierte Programm zur Minenräumung ist noch
nicht abgeschlossen (Banobero 28.12.2001: 12).
Die Universität Amílcar Cabral wurde formal 1999
gegründet, konnte aber auch 2001 nicht ihren
Unterrichtsbetrieb aufnehmen ( Nô P. 11.1.2002)
Die Zahl der diagnostizierten AIDS-Fälle wird 2001 mit
1211 angegeben. Die Weltgesundheitsorganisation
schätzt die Zahl der in Guinea-Bissau Infizierten auf
35.000 (Nô P. 11.7.2001: 7).
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M. und J. Augel
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